Warschau am 18. September 1946: Das Ringelblum Archiv wurde in der Nowolipki Straße entdeckt. | © picture alliance / PAP / Wladyslaw Forbert

„Wichtiger als unser Leben“. Das Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos Ausstellung

29. Juni 2023 bis 7. Jan. 2024

Über die Ausstellung

Die Ausstellung widmet sich dem Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen riegelten die deutschen Besatzer*innen 1940 einen großen Teil Warschaus ab und verschleppten die jüdische Bevölkerung Warschaus und weiterer besetzter Gebiete dorthin. Um das Geschehen für die Mit- und Nachwelt zu dokumentieren, initiierte der Historiker Emanuel Ringelblum eine beispiellose Sammelaktion im Ghetto: das heute so genannte ‚Ringelblum-Archiv‘. Es war das gemeinschaftliche Projekt einer im Geheimen arbeitenden Gruppe von jüdischen Akademiker*innen, Schriftsteller*innen und Aktivist*innen, die sich Oneg Shabbat (‚Freude am Sabbat‘) nannte. Das Oneg Shabbat-Archiv ist ein einzigartiges und herausragendes Beispiel jüdischer Selbstbehauptung während der Shoah. Es ist ein Akt zivilen Widerstands und der erste Versuch, den von Deutschen initiierten Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas zeitgleich und unmittelbar zu dokumentieren und archivieren.

Das Archiv, das im Jüdischen Historischen Institut Warschau verwahrt wird, ist seit 1999 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Es besteht aus rund 35.000 Blättern: Notizen, Tagebucheinträgen, Aufsätzen, Fotos, Zeichnungen, amtlichen Dokumenten und anderen Zeugnissen des täglichen Lebens. Das ursprüngliche Ziel der Gruppe Oneg Shabbat war es, das Leben im Ghetto zu dokumentieren. Jüdinnen*Juden aus Warschau und weiteren polnischen Regionen, jüdische Deportierte aus Deutschland und von Deutschen besetzten Ländern – darunter zum Christentum konvertierte Jüdinnen*Juden –, sowie Rom*nja lebten dort mit- und nebeneinander. In der bedrückenden Enge des abgeriegelten Ghettos inmitten der Warschauer Innenstadt versuchten sie zu überleben. Bis zu 450.000 Personen waren dort unter unmenschlichen Umständen zusammengepfercht.

Als ab 1942 zunehmend offenbar wurde, wohin die deutsche Besatzungspolitik führte, begann Oneg Shabbat die Shoah zu dokumentieren – den organisierten Massenmord an den europäischen Jüdinnen*Juden in den deutschen Vernichtungslagern im Osten. Die bis zu 50 Mitarbeiter*innen von Oneg Shabbat arbeiteten im Geheimen, ihre genaue Zahl steht bis heute nicht fest. Nur zwei von ihnen überlebten die Shoah. Ein Großteil des Archivs jedoch überdauerte den Krieg, versteckt und vergraben unter den Ruinen des Ghettos.

Die Ausstellung bietet eine radikale Innensicht des Ghettos aus jüdischer Perspektive, indem sie die Überlieferung aus dem Oneg Shabbat-Archiv ins Zentrum stellt und die Dokumente und Fotos für sich sprechen lässt. Auf diese Weise ergibt sich ein dichtes und facettenreiches Bild des Lebens, Leidens und Sterbens im Ghetto. Die Ausstellung macht das Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos als Akt des Widerstands begreifbar: Als einen unendlich mühe- und qualvollen, aber letztlich erfolgreichen Versuch, die Geschichte der Shoah von jüdischer Seite aus zu schreiben, der Auslöschung des polnischen Judentums zum Trotz.

Infos

Laufzeit
29. Juni 2023 bis 8. Jan. 2024

Eröffnung
28. Juni 2023

Social Media
#RingelblumArchiv | @nsdoku

Eine Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums München und des Jüdischen Historischen Instituts Warschau

Bilder aus dem Archiv

Mauer an der Bonifraterska Straße | ARG I 683-50 | © Jüdisches Historisches Institut Warschau

© Jüdisches Historisches Institut Warschau

© Jüdisches Historisches Institut Warschau