© NS-Dokumentationszentrum München

Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in München 1933–1945
Ausstellung

27. Sept. 2018 bis 6. Jan. 2019

Über die Ausstellung

Die Zeugen Jehovas wurden in der NS-Zeit wegen ihres Glaubens unterdrückt und verfolgt. Das NS-Dokumentationszentrum München dokumentierte mit einer Ausstellung erstmals umfassend die Verfolgung der Glaubensgemeinschaft in München. Die Zeugen Jehovas lehnten den Nationalsozialismus und seine Ideologie aus religiöser Überzeugung ab, beispielsweise verweigerten sie den ‚Hitlergruß‘ und den Kriegsdienst. Deshalb wurden sie früh durch das NS-Regime bekämpft. Viele von ihnen wurden in Konzentrations­lagern inhaftiert. Insgesamt kamen über tausend Zeugen Jehovas während der NS-Zeit ums Leben. Hunderte von ihnen wurden wegen ‚Wehrkraftzersetzung‘ oder Kriegsdienstverweigerung zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dieser staatlich sanktionierte Mord war ein Anlass, im Grund­gesetz der Bundesrepublik das Recht auf Wehrdienstverweigerung zu verankern.

Die Ausstellung rücket die bis heute wenig bekannte Leidensgeschichte der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit ins Bewusstsein der Stadtgesell­schaft. Damit setzte das NS-Dokumentationszentrum München seine Erinnerungsarbeit für die jahrzehntelang ‚vergessenen‘ oder an den Rand gedrängten Opfer des NS-Unrechtsregimes fort. Inhaltlich basierte die Ausstellung auf einem Buch zum Thema, das 2017/18 am NS-Dokumentationszentrum München entstanden ist.

Gestapo-Foto eines aufgedeckten Bücherlagers der Zeugen Jehovas in der Münchner Implerstraße 18, 1937 | © Stadtarchiv München

Die Zeugen Jehovas waren die erste Glaubensgemeinschaft, die im nationalsozialistischen Deutschland verboten wurde. Keine andere religiöse Minderheit wurde so früh und so konsequent von den Nationalsozialisten verfolgt wie die ‚Ernsten Bibelforscher‘ oder Zeugen Jehovas. Die Unterdrückung und Verfolgung der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit fand in der deutschen Erinnerungskultur jahrzehntelang keinen Platz. Erst seit den 1990er Jahren beschäftigen sich Historiker*innen mit diesem Thema. Die Ausstellung beleuchtete das Schicksal der Zeugen Jehovas unter der nationalsozialistischen Herrschaft erstmals ausführlich am Beispiel Münchens. Sie entstand in Kooperation mit Christoph Wilker, Unterhaching. Private Leihgeber und das Archiv der Zeugen Jehovas in Selters stellten zahlreiche Bilder und Dokumente zur Verfügung. So konnten nun die Namen, Gesichter und Lebensgeschichten vieler der im Nationalsozialismus verfolgten Zeugen Jehovas aus München dokumentiert werden. Sie ins Bewusstsein der Stadtgesellschaft zu holen, war das Anliegen dieser Ausstellung.

Die Bibelforscherbewegung entstand als religiöse Erweckungsbewegung in den USA. Seit den 1890er Jahren wurde die neue Lehre auch in Deutschland verbreitet und erfuhr in den 1920er Jahren weiteren Zulauf. Die Zentrale der Gemeinschaft blieb in den USA. Die New Yorker Leitung forderte von den Gläubigen unbedingte Loyalität gegenüber den biblischen Geboten.

Bereits kurz nach der Machtübernahme verboten die Nationalsozialisten die ‚Internationale Bibelforscher-Vereinigung‘ in den meisten deutschen Ländern, in Bayern am 13. April 1933. Der NS-Staat ging unnachgiebig gegen die Gemeinschaft vor. Ungeachtet dessen bekannten sich die meisten Zeugen Jehovas zunächst weiterhin offen zu ihrem Glauben, trafen sich zu Bibelkreisen und verbreiteten ihre Lehre.

Die Glaubensdoktrin der Zeugen Jehovas stand dem totalitären Zugriff des NS-Regimes entgegen. Diejenigen, die sich nicht anpassten oder von ihrem Glauben lossagten, gerieten durch ihr Verhalten rasch in Konflikt mit den neuen Machthabern. Sie lehnten den Nationalsozialismus und seine Ideologie aus Glaubensgründen ab, verweigerten etwa mit Verweis auf die göttliche Obrigkeit die Mitgliedschaft in Organisationen wie der Deutschen Arbeitsfront, den ‚Hitlergruß‘ und den Kriegsdienst.

Verfolgung und offener Protest

Auf die zunehmenden Konflikte mit dem nationalsozialistischen Regime reagierte die Glaubensgemeinschaft mit offenem Protest. In mehreren nationalen und internationalen Brief- und Flugblattkampagnen, die von der New Yorker Leitung initiiert wurden, prangerten die Zeugen Jehovas die Verfolgungsmaßnahmen an und verurteilten das NS-Regime. Zahlreiche deutsche Glaubensanhänger*innen beteiligten sich an Protestaktionen und der Verbreitung regimekritischer Schriften. Viele von ihnen wurden daraufhin verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. 1936/37 verstärkte das NS-Regime seine reichsweiten Verfolgungsmaßnahmen. Ein eigenes Sonderreferat in der Berliner Zentrale der Geheimen Staatspolizei befasste sich jetzt mit der Bekämpfung der Glaubensgemeinschaft.

Die verstärkte Verfolgung der Zeugen Jehovas stand in Zusammenhang mit deren fortgesetzten Verbreitung verbotener Druckschriften. Die Gestapo reagierte darauf mit Massenfestnahmen. Geringste Verstöße gegen das Verbot der Glaubensgemeinschaft, wie etwa die Teilnahme an Bibelkreisen oder der Besitz kritischer Schriften, wurden verfolgt. Sondergerichte verurteilten die Festgenommenen meist zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen. Funktionäre und ‚Wiederholungstäter‘ wurden im Anschluss an die Strafe oft noch jahrelang in verschiedenen Haftstätten und Konzentrationslagern festgehalten.

Viele Zeugen Jehovas wurden deshalb als Hilfskräfte im Lager, in SS-Haushalten, in SS-eigenen Betrieben oder in Arbeitskommandos eingesetzt. Dadurch ergaben sich für die Gefangenen zum Teil Erleichterungen, die ihnen halfen, den KZ-Terror zu überleben. Einschneidende Folgen hatte die grundsätzliche Ablehnung des Kriegsdiensts, welche die Zeugen Jehovas aus dem biblischen Gebot „Du sollst nicht töten“ herleiteten. Bereits während des Ersten Weltkriegs hatten Zeugen Jehovas den Wehrdienst verweigert und dies mit Haftstrafen oder Psychiatrieeinweisungen gebüßt. Ab 1939 wurde Wehrdienstverweigerung mit dem Tod bestraft.

Die KZ-Haft fassten die Zeugen Jehovas als Glaubensprüfung auf. Ihre Gläubigkeit und ihr Gruppenkodex führten dazu, dass sie auch durch Zwangsmaßnahmen der SS nur sehr selten von ihrem Glauben abzubringen waren. Tätigkeiten, die ihren religiösen Regeln widersprachen, lehnten sie trotz Strafen ab. Alle anderen Aufgaben aber führten sie mit peinlicher Sorgfalt aus.

Von den etwa 25.000 Zeugen Jehovas im Deutschen Reich waren 10.700 Personen, also über 40 Prozent, von der nationalsozialistischen Verfolgung betroffen. Etwa 8.800 Anhänger der Glaubensgemeinschaft wurden inhaftiert, davon 2.800 in Konzentrationslagern. Während des Zweiten Weltkriegs verurteilte die NS-Justiz Hunderte wegen ‚Wehrkraftzersetzung‘ und Kriegsdienstverweigerung zum Tode. Insgesamt kamen über 1.000 Zeugen Jehovas zwischen 1933 und 1945 ums Leben. Mindestens 15 Münchner Zeugen Jehovas starben dort.

Blick in die Ausstellung

© NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Connolly Weber Photography

© NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Connolly Weber Photography

© NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Connolly Weber Photography

© NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Connolly Weber Photography

Katalog zur Ausstellung

Der Katalog enthält eine Vielzahl von Dokumenten und Fotografien, die das Schicksal der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit dokumentieren. Einzelne Aspekte der Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas werden in sechs historischen Fachbeiträgen vertieft.

ISBN 978-3-946041-23-8 | Preis: 20,00 Euro

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