Eine Baracke und ein Splitterbunker zwischen Bäumen im Herbst 2014.

Baracke und Splitterschutzbunker des ehemaligen Zwangsarbeiter*innenlagers München-Neuaubing, 2014 | © NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Connolly Weber Photography

Ein ehemaliges Lager für Zwangs­arbeiter*innen in Neuaubing

Auf dem Gelände eines ehemaligen Zwangsarbeiter*innenlagers im Münchner Westen sind noch acht Baracken aus der Zeit des Nationalsozialismus erhalten. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Gelände vielfältig weitergenutzt. In zwei der Gebäude sowie im Außenbereich werden zukünftig Ausstellungen, Veranstaltungen, Workshops und Seminare stattfinden. Bereits vor der Eröffnung, die für 2025 geplant ist, gibt es viel zu entdecken – vor Ort und digital.

Ein Zwangsarbeiter*innenlager im Münchner Westen

Während des Zweiten Weltkrieges war München ein Zentrum der Zwangsarbeit. Fast alle Münchner Unternehmen, Betriebe und Geschäfte sowie nicht wenige Privatpersonen profitierten von Einsatz von mindestens 150.000 Menschen, die aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten nach Deutschland verschleppt worden waren. Auf die Gesamtbevölkerung der Stadt gerechnet, war im letzten Kriegsjahr etwa jede vierte Person zwangsbeschäftigt. In vielen Rüstungsbetrieben waren deutlich über 50 Prozent der Belegschaft Zwangsarbeiter*innen.


Ein Ort der Vielfalt gegen das Vergessen

Das Lager in Neuaubing war eine von über 400 Sammelunterkünften für Zwangsarbeiter*innen im Stadtgebiet. Es wurde von der Reichsbahn errichtet und diente zwischen 1942 und 1945 der Unterbringung von bis zu 1.000 Zwangsarbeiter*innen, die beim nahegelegenen Ausbesserungswerk Neuaubing (RAW) arbeiten mussten. Nach 1945 geriet die Geschichte des Lagers nach und nach in Vergessenheit. Erst seit den 2000er-Jahren führte zivilgesellschaftlichen Engagement dazu, dass die Geschichte des Ortes wieder sichtbarer wurde.

Die acht Baracken in Neuaubing sind einer der letzten baulich erhaltenen Lagerkomplexe in Deutschland. Heute werden sie überwiegend als Ateliers und Werkstätten genutzt, aber auch ein Kindergarten und eine Freizeitfarm für Kinder und Jugendliche befinden sich auf dem Gelände. Das Gelände soll mit seinen aktuellen Nutzungen dauerhaft erhalten werden. Außerdem wird In Zukunft auf dem Areal ein Erinnerungsort des NS-Dokumentationszentrums München gestaltet.

 

Infos zum Erinnerungsort

Adresse
Erinnerungsort Neuaubing
Ehrenbürgstraße 9
81249 München

Zu Google Maps

Öffnungszeiten
Das Gelände ist offen zugänglich. Die Baracke 5 kann aktuell nur im Rahmen von Rundgängen besichtigt werden.

Barrierefreiheit
Das Gelände ist nicht barrierefrei. Es sind keine öffentlichen Sanitäranlagen vorhanden.

Anfahrt
S-Bahn | Linie S8: Haltestelle Freiham Bahnhof
Bus | Linie 57 und 143: Haltestelle Freiham Bahnhof
Keine Parkplätze für Besucher*innen vorhanden.

Baracke 5 des ehemaligen Zwangsarbeiter*innenlagers

Außenansicht einer renovierten Baracke, umgeben von Gras

Baracke 5 des ehemaligen Zwangsarbeiter*innenlagers in Neuaubing nach der Sanierung, 2017 | © NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Connolly Weber Photography 

Innenansicht zweier Räume einer leerstehenden Baracke mit kahlen Betonwänden ohne Türen, aber mit Fenstern.

Innenansicht von Baracke 5, 2017 | © NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Connolly Weber Photography

Eine ältere Frau steht in einem Raum mit Blumentapete. Mit einer Hand stützt sie sich an einem alten Ofen.

Die ehemalige Zwangsarbeiterin Anna Wladimirowna im RAW-Lager Neuaubing, 2017 | © NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Connolly Weber Photography

Departure Neuaubing.
Europäische Geschichten der Zwangsarbeit

Digitales Geschichtsprojekt

Was hat der Münchner Stadtteil Neuaubing mit dem ukrainischen Dorf Jewmynka, mit Rotterdam oder einem Restaurant im italienischen Malgolo zu tun? Das interaktive und interdisziplinäre Digitalprojekt begleitet die Entstehung des Erinnerungsorts in Neuaubing. Es erzählt von historischen Erfahrungen der NS-Zwangsarbeit in Europa und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart und macht das Wissen über die Vergangenheit durch künstlerische und erzählerische Formate zugänglich.

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Für Gruppen

Rundgang

Sie möchten das ehemalige Zwangsarbeiter*innenlager mit einer Gruppe besuchen? Wir bieten buchbare Rundgänge über das Gelände an, erläutern die Geschichte des Ortes, dessen aktuelle Nutzung und besichtigen Baracke 5.

Mehr zum Rundgang erfahren

 

Wir suchen Erinnerungen an Zwangsarbeit

Für die Entstehung des Erinnerungsortes Neuaubing suchen wir Fotos, Dokumente und Objekte, die mit der NS-Zwangsarbeit in München und Umgebung in Verbindung stehen. Kennen Sie ehemalige Zwangsarbeiter*innen? Haben Sie Zeugnisse oder kennen Sie Berichte über Zwangsarbeit in Betrieben, in privaten Haushalten oder im öffentlichen Raum? Wir freuen uns über Zusendungen an departure.nsdokumuenchende!

Die Geschichte des ehemaligen Lagers

Züge für die Ostfront

Die westlichen Außenbezirke waren eines der Zentren der Kriegsindustrie in München. Ende April 1945 befanden sich auf dem Gebiet der 1941/1942 eingemeindeten Stadteile Aubing, Neuaubing und Langwiede über 7000 ausländische Zwangsarbeiter*innen – eine deutlich höhere Zahl als die der ansässigen deutschen Bevölkerung. Die hier beschäftigten Zwangsarbeiter*innen waren in mehr als einem Dutzend Sammelunterkünften und Lagern untergebracht.

Die beiden größten Betriebe vor Ort waren die Dornier-Flugzeugwerke und das Reichsbahnausbesserungswerk (RAW). Dornier produzierte Kampfjets. Im RAW Neuaubing wurden seit Anfang des 20. Jahrhunderts Waggons gewartet, instandgesetzt und umgebaut. Im Krieg hatte die Reichsbahn eine zentrale Bedeutung, um Truppen und Kriegsgüter zu transportieren. Viele Züge kamen direkt vom Fronteinsatz zur Reparatur nach Neuaubing. Es wurden auch spezielle Modelle für den Kriegseinsatz angefertigt wie zum Beispiel Lazarettzüge und sogenannte ‚Ostloks‘ (Züge mit Frostschutzeinrichtungen).
 

Der Krieg dauert an, die Zahl der Zwangsarbeiter*innen steigt

Über die Hälfte der Belegschaft des RAW waren Zwangsarbeiter*innen aus verschiedenen europäischen Ländern, insgesamt mindestens 1.300 Personen. Sie wurden nach Nationalitäten getrennt und in Lagern auf und um das Werk untergebracht.

Die einzelnen Baracken des Lagers sind rot hervorgehoben. Acht Baracken sind rechteckig um einen Platz angeordnet, drei weitere Baracken stehen gesondert dahinter.

Lageplan des Barackenlagers der Reichsbahn in Neuaubing, Planung November 1942 | Quelle: Bauakte Ehrenbürgstraße 9, Lokalbaukommission München

Das sogenannte ‚RAW-Lager‘ auf dem heutigen Gelände der Ehrenbürgstraße 9 wurde im Frühjahr 1942 von der Reichsbahneröffnet, und bis 1945 kontinuierlich ausgebaut. Jedoch wurden nicht alle ursprünglich elf geplanten Baracken bis Kriegsende errichtet. Neben den fünf Unterkunftsbaracken, gab es eine Küche, eine Sanitätsbaracke, eine Waschbaracke, eine Baracke für das Wachpersonal sowie zwei Splitterschutzbunker.

Anfangs war das Gelände für zivile Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion vorgesehen, später wurden dort auch Menschen aus Polen, Italien, den Niederlanden und möglicherweise auch aus Frankreich einquartiert. Unter ihnen waren viele Frauen, Kinder und Jugendliche.

Historische Aufnahme mehrerer befreiter Familien von Zwangsarbeiter*innen auf dem Lagergelände

Ganze Familien wurden aus der Sowjetunion zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Aufnahme nach der Befreiung auf dem Lagergelände. | © Privatbesitz Familie Nartow

30. April 1945: Die Befreiung des Lagers in Neuaubing

Im letzten Kriegsjahr wurden zwei der insgesamt 5 Unterkunftsbaracken gebaut. Das ‚RAW-Lager‘ war voll- oder gar überbelegt. Als US-amerikanische Streitkräfte sich München näherten und die Bombardierungen zunahmen, wurde die Lage vor Ort immer unübersichtlicher. Einigen Zwangsarbeiter*innen gelang in dem Chaos der letzten Kriegstage die Flucht.

Das Lager wurde in den Morgenstunden des 30. April 1945 befreit – seine Funktion als Sammelunterkunft blieb jedoch noch einige Monate bestehen: Bis zur Rückführung in ihre Heimatländer mussten viele der nun befreiten Zwangsarbeiter*innen in den Unterkünften ausharren. Sie wurden zu den ‚Displaced Persons‘ (DPs) gezählt, Menschen, die sich auf Grund des Krieges und der Deportationen außerhalb ihrer Heimatländer befanden.

Nutzung des Zwangsarbeiter*innenlagers nach 1945

Die Deutsche Bundesbahn nutzte das Areal spätestens ab 1949 als Lehrlingswohnheim. Ab den 1970er-Jahren kamen vermehrt gewerbliche Nutzungen hinzu. In den 1980er-Jahren entstand ein Kindergarten sowie eine Freizeitfarm für Kinder und Jugendliche. Zudem richteten Handwerker*innen und Künstler*innen Ateliers und Werkstätten ein. Die vielfältigen Nachnutzungen hatten einen bedeutenden Anteil daran, dass das Lager mit nur wenigen baulichen Veränderungen erhalten blieb. Zugleich wurde die ursprüngliche Funktion überschrieben und vergessen. Das etwa ein Kilometer südlich gelegene Ausbesserungswerk der Bahn wurde 2001 endgültig stillgelegt.
 

Das Lager in Neuaubing wird zum Erinnerungsort

Seit dem Jahr 2000 wurde die Geschichte des Geländes allmählich wiederentdeckt. In Neuaubing begannen Planungen für das angrenzende Neubaugebiet Freiham; in einem der größten Wohnbauprojekte Europas soll in den kommenden Jahren Wohnraum für rund 30.000 Menschen entstehen. Der Planungsumriss umfasste zunächst auch das Gelände des ehemaligen Lagers. Doch dann wurden Recherchen zur Geschichte und historischen Bedeutung des Geländes eingeleitet.

Ein historisches Gutachten bestätigte 2008 die Nutzung des Ortes als ehemaliges Lager für Zwangsarbeiter*innen. Die Stadt kaufte 2014 zunächst eine Baracke und im Folgejahr dann das ganze Gelände. Seit 2017 stehen alle Gebäude unter Denkmalschutz. 2018 beschloss der Stadtrat das Gelände denkmal- und naturschutzgerecht zu sanieren und die soziale und kulturelle Nutzung dauerhaft zu erhalten. Im Jahr 2025 eröffnet das NS-Dokumentationszentrum München eine Dependance vor Ort, um die Geschichte der Zwangsarbeit auf dem Münchner Stadtgebiet dauerhaft zu bewahren.

Publikationen

Jan Bazuin. Tagebuch eines Zwangsarbeiters

Das Tagebuch des niederländischen Zwangsarbeiters Jan Bazuin ist das ergreifende Zeugnis eines Rotterdamer Jugendlichen, der während des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurde. Die Zeichnerin Barbara Yelin hat die knappen, schnörkellosen Notizen illustriert, die 2022 erstmals im Verlag C.H. Beck erschienen sind.

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Zwangsarbeit in München. Das Lager der Reichsbahn in Neuaubing

Die 2018 erschienene Publikation führt in die Geschichte der NS-Zwangsarbeit ein. Historiker*innen aus dem NS-Dokumentationszentrum stellen die Rekrutierung, die Lebens- und Arbeitsbedingungen, die Repatriierung und Aspekte des Reichsbahnlagers in Neuaubing vor. Außerdem wurden erstmals ehemalige Zwangsarbeiter*innen des Neuaubinger Lagers anhand von privaten Fotografien, Dokumenten und persönlichen Erinnerungen porträtiert.

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