Oberfinanzpräsidium

Organisationen
Verfasst von Christiane Fritsche

Oberste Länder-Finanzbehörde (bis 1937 Landesfinanzamt, in 1950er-Jahren Oberfinanzdirektion)

Bei der systematischen finanziellen Ausplünderung der Juden*Jüdinnen unter der nationalsozialistischen Herrschaft hatten die Oberfinanzpräsidien eine Schlüsselposition inne. Grundsätzlich ging dem Massenmord an den Juden*Jüdinnen eine „fiskalische Endlösung“ (Friedenberger, S. 273) voraus. Größter Profiteur der ‚Arisierung‘ war der deutsche Staat.

Als Teil der Finanzverwaltung überwachte das Oberfinanzpräsidium München die Finanzämter, die den gigantischen Raub jüdischen Vermögens vor allem mit Hilfe der ‚Reichsfluchtsteuer‘ und der ‚Judenvermögensabgabe‘ in die Tat umsetzten. Außerdem war die Behörde ab Anfang der 1940er-Jahre für den enteigneten jüdischen Besitz zuständig. Im November 1941 entzog die Elfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz allen deportierten und emigrierten Juden*Jüdinnen die Staatsangehörigkeit und damit ihr komplettes Eigentum. Dieses wurde von ‚Vermögensverwertungsstellen‘ in den Oberfinanzpräsidien verwaltet. 1941 war allein das Oberfinanzpräsidium München für die ‚Verwertung‘ von etwa 7800 jüdischen Vermögen verantwortlich.

Das Oberfinanzpräsidium München in der Sophienstraße 6 am Rande des Parteiviertels wurde ab 1938 nach den Plänen von Franz Stadler erbaut. Das Gebäude ist derzeit Sitz der Münchner Dienststelle des Bayerischen Landesamts für Steuern. Ein großer Reichsadler an der Fassade – das Hakenkreuz wurde entfernt - erinnert an die Geschichte des Hauses.

Niederschrift der Dienststelle für Vermögensverwertung des Oberfinanzpräsidiums München über die öffentliche Versteigerung des eingezogenen Vermögens deportierter Juden am 1. und 18.4.1942 in der Turnhalle der Schrenkschule. | Staatsarchiv München, Oberfinanzdirektion 7593

Quellen

Donath, Matthias: Architektur in München 1933–1945. Ein Stadtführer, Berlin 2007.
Drecoll, Axel: Der Fiskus als Verfolger. Die steuerliche Diskriminierung der Juden in Bayern 1933–1941/42, München 2009.
Friedenberger, Martin: Fiskalische Ausplünderung. Die Berliner Steuer- und Finanzverwaltung und die jüdische Bevölkerung 1933-1945, Berlin 2008.
Kuller, Christiane: Bürokratie und Verbrechen. Antisemitische Finanzpolitik und Verwaltungspraxis im nationalsozialistischen Deutschland, München 2013.
Nerdinger, Winfrid (Hrsg.): Ort und Erinnerung. Nationalsozialismus in München, München 2006.

Empfohlene Zitierweise

Christiane Fritsche: Oberfinanzpräsidium (publiziert am 28.05.2024), in: nsdoku.lexikon, hrsg. vom NS-Dokumentationszentrum München, URL: https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/oberfinanzpraesidium-625