© Luca Japkinas

Interview
geführt von Anna Heinrichsmeier

„Völkische Ideen begegnen uns häufiger, als man denkt.“

Die völkische Weltanschauung hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert, beeinflusst unsere Gesellschaft aber bis in die Gegenwart. Im Vorfeld der Diskussion Bedrohlich aktuell. Die völkische Weltanschauung erläutert Laura Sophie Stadler, wie diese Ideologie entstand – und wo völkische Narrative noch heute auf gefährliche Weise wirken.

Anna: Laura, am 30. Juli 2026 findet im NS-Dokumentationszentrum die Diskussion Bedrohlich aktuell: Die völkische Weltanschauung statt. Was versteht man unter völkischer Weltanschauung?

Laura: Die völkische Weltanschauung hat zum Kern ja das Wort ‚Volk‘. Unter diesem versteht sie aber etwas anderes, als wir das heute gemeinhin tun. Das Volk ist für sie keine politische Gemeinschaft mit gleichen Rechten für alle, sondern eine ethnisch und biologisch definierte Abstammungsgemeinschaft. Ihr Fundament ist ein rassistisches Ungleichheitsdenken. Sie entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert und bildete eine der wichtigsten ideologischen Voraussetzungen des Nationalsozialismus.

Warum fanden völkische Ideen im 19. Jahrhundert in so unterschiedlichen Milieus Anklang?

Die völkische Weltanschauung gewann in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche an Bedeutung. Sehr verknappt: Industrialisierung, Urbanisierung und Modernisierung. Diese Zeit erlebten viele Menschen als krisenhaft und von Ängsten geprägt. Die völkische Weltanschauung bot in dieser Situation vermeintlich einfache Antworten, indem sie nationale, rassistische und antisemitische Vorstellungen zu einer umfassenden Weltsicht verband. Gerade diese Verbindung machte sie für unterschiedliche, vor allem bürgerliche Milieus anschlussfähig.

In aktuellen politischen Debatten fallen immer wieder Begriffe wie Heimat, Volk oder Identität. Woran lässt sich erkennen, ab welchem Punkt solche Begriffe Teil einer völkischen Ideologie werden?

Die Begriffe selbst sind zunächst natürlich nicht völkisch. Entscheidend ist, wie sie aufgeladen und verwendet werden. Von einer völkischen Weltanschauung spricht man, wenn das ‚Volk‘ nicht mehr als politische Gemeinschaft aller Bürger*innen verstanden wird, sondern als ethnisch oder biologisch definierte Abstammungsgemeinschaft. Kennzeichnend sind außerdem die scharfe Trennung zwischen einem angeblich ‚Eigenen‘ und ‚Fremden‘, die Vorstellung einer homogenen ‚Volksgemeinschaft‘ sowie die Ablehnung von Pluralismus und der Gleichheit aller Menschen.

Laura Sophie Stadler verantwortet das Projekt Zu fragmentarisch ist Welt und Leben?, eine Kooperation mit dem Lenbachhaus. Sie forscht zu Verbindungen zwischen der völkischen Bewegung und künstlerischen Persönlichkeiten um 1900 in München und kuratiert ein interdisziplinäres Rahmenprogramm mit gesellschaftspolitischem Gegenwartsbezug.

Wo begegnen uns völkische Narrative heute?

Völkische Narrative begegnen uns heute in unterschiedlichen Zusammenhängen. Besonders sichtbar sind sie im Kreis völkischer Siedler*innen, die durch gezielte Ansiedlungen ländliche Gegenmilieus aufbauen wollen. Daneben finden sie sich in Teilen rechtsökologischer und esoterischer Milieus, in denen Natur-, Heimat- oder Umweltvorstellungen ethnisch aufgeladen werden. Natürlich begegnen uns auch völkische Narrative in rechtsextremen Gruppierungen und Parteien, bekanntermaßen auch bei der AfD, bei der seit Jahren von einem ‚völkischen Flügel‘ die Rede ist. Und: Sie begegnen uns, häufiger als man vielleicht denken mag, vor der Haustür.

Hast du ein Beispiel?

Ich denke dabei an einen traurigen Fall, der sich vor wenigen Jahren in München ereignet hat. Studierende aus einer Münchner Burschenschaft verprügelten, rassistisch motiviert, zwei junge Männer mit Migrationshintergrund. Dafür wurden sie im vergangenen Jahr verurteilt. Einer der Täter kommt aus einer alten völkischen ‚Sippe‘. Wegen dieser Unmittelbarkeit, die sich in solchen und vielen weiteren Beispielen herstellen lässt, war mir sehr wichtig, im Rahmen meines Forschungsprojekts auch die gegenwärtige Dimension des Völkischen zu behandeln. Die Diskussionsveranstaltung mit den erfahrenen Investigativ-Journalist*innen Andrea Röpke und Simon Wörz sowie dem Filmemacher Florian Hofmann wird hier sicherlich interessante wie aktuelle Aspekte beleuchten.


Das Interview wurde geführt von Anna Heinrichsmeier. Sie ist ausgebildete Buchhändlerin, studiert Buchwissenschaften und Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und absolviert derzeit ein Praktikum am NS-Dokumentationszentrum München.

Forschungsprojekt

Zu fragmentarisch ist Welt und Leben?

Kunst und Kultur, ein nationalkonservatives Milieu und die völkische Weltanschauung in München um 1900

Mit dem Projekt Zu fragmentarisch ist Welt und Leben?* widmen sich das NS-Dokumentationszentrum München und die Städtische Galerie im Lenbachhaus einem bislang wenig beleuchteten Kapitel der Kulturgeschichte. Im Zentrum steht die Frage, wie eng Künstlerpersönlichkeiten wie Franz von Lenbach, Hans Thoma oder Richard Wagner in die politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Netzwerke ihrer Zeit eingebunden waren – Netzwerke, die Ende des 19. Jahrhunderts maßgeblich die völkische Weltanschauung prägten, und umgekehrt.

Mehr zum Projekt

Hans Thoma, Wandfries aus dem Musiksaal des Hauses Pringsheim, München: Schalmeien blasende Jünglinge und Satyrknaben unter der Laube, 1891, Öl auf Leinwand | Foto: © Staatsgalerie Stuttgart, erworben 1935