Anna: Laura, am 30. Juli 2026 findet im NS-Dokumentationszentrum die Diskussion Bedrohlich aktuell: Die völkische Weltanschauung statt. Was versteht man unter ‚völkischer Weltanschauung‘?
Laura: Die völkische Weltanschauung hat zum Kern ja das Wort ‚Volk‘. Unter diesem versteht sie aber etwas anderes, als wir das heute gemeinhin tun. Das Volk ist für sie keine politische Gemeinschaft mit gleichen Rechten für alle, sondern eine ethnisch und biologisch definierte Abstammungsgemeinschaft. Ihr Fundament ist ein rassistisches Ungleichheitsdenken. Sie entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert und bildete eine der wichtigsten ideologischen Voraussetzungen des Nationalsozialismus.
Warum fanden völkische Ideen im 19. Jahrhundert in so unterschiedlichen Milieus Anklang?
Die völkische Weltanschauung gewann in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche an Bedeutung. Sehr verknappt: Industrialisierung, Urbanisierung und Modernisierung. Diese Zeit erlebten viele Menschen als krisenhaft und von Ängsten geprägt. Die völkische Weltanschauung bot in dieser Situation vermeintlich einfache Antworten, indem sie nationale, rassistische und antisemitische Vorstellungen zu einer umfassenden Weltsicht verband. Gerade diese Verbindung machte sie für unterschiedliche, vor allem bürgerliche Milieus anschlussfähig.
In aktuellen politischen Debatten fallen immer wieder Begriffe wie ‚Heimat‘, ‚Volk‘ oder ‚Identität‘. Woran lässt sich erkennen, ab welchem Punkt solche Begriffe Teil einer völkischen Ideologie werden?
Die Begriffe selbst sind zunächst natürlich nicht völkisch. Entscheidend ist, wie sie aufgeladen und verwendet werden. Von einer völkischen Weltanschauung spricht man, wenn das ‚Volk‘ nicht mehr als politische Gemeinschaft aller Bürger*innen verstanden wird, sondern als ethnisch oder biologisch definierte Abstammungsgemeinschaft. Kennzeichnend sind außerdem die scharfe Trennung zwischen einem angeblich ‚Eigenen‘ und ‚Fremden‘, die Vorstellung einer homogenen ‚Volksgemeinschaft‘ sowie die Ablehnung von Pluralismus und der Gleichheit aller Menschen.