Die Frage „Was ist Erinnerung?” – in der Kunst, in den Dingen und Objekten, in einer postmigrantischen Gesellschaft, in Zeiten des Krieges und des Rechtsrucks – beschäftigt das NS-Dokumentationszentrum auch in diesem Jahr. Dabei sollen 2026 insbesondere die Perspektiven von Kindern und ihren Familien, die den Nationalsozialismus und den Holocaust selbst erlebt haben, im Vordergrund stehen. Gleichzeitig geht es auch darum, wie Erfahrungen weitergegeben werden, wie der Prozess intergenerationaler Tradierung von Erinnerungen, Traumata und Konflikten verläuft und welche Auswirkungen bis heute sichtbar sind. Das nsdoku richtet den Blick einerseits auf lokale Geschichten und Biografien, die beispielsweise anhand eines Münchner Klassenfotos aus dem Jahr 1937 recherchiert und präsentiert werden. Zum anderen sind Krieg, Verlust und Vertreibung globale Themen, denen in einem internationalen Kontext und in künstlerischen Positionen nachgegangen wird. Weiter beschäftigen uns Fragen nach den Ursachen politischer und gesellschaftlicher Radikalisierung und den Verlust der demokratischen Mitte, und welche Rolle dabei zunehmend auch der wirtschaftliche Faktor spielt. Was passiert, wenn Kunst und Kultur, Geschichtsvermittlung und historische Bildung von immer knapper werdenden Budgets abhängen? Welcher Einfluss kommt denjenigen zu, die als nichtstaatliche Akteure dramatischen Einfluss nehmen, wie die Tech-Billionäre? In welcher Weise wird mit Kapital Meinung gemacht und was passiert, wenn Geld und Macht über die Kultur – zumal die Erinnerungskultur – entscheiden?
Ausstellungen
Erinnerung ist …
Intervention mit Objekten und ihren Geschichten | bis 10. Mai 2026
Ein Hut, eine Holzkiste, ein Tablettenröhrchen, ein Bierkrug. Welche Erinnerungen haften diesen Dingen an, welche Geschichten können sie erzählen? Was wollen wir von ihnen erfahren? Für ein Jahr ergänzen ausgewählte Objekte die Ausstellung München und der Nationalsozialismus und erzählen sie durch neue Geschichten weiter. Große und kleine, alltägliche und ungewöhnliche Dinge schaffen sinnliche Zugänge und ermöglichen einen anderen Blick auf die Vergangenheit. Persönliche Audio-Kommentare begleiten die einzelnen Objekte, ordnen sie ein und machen größere Zusammenhänge greifbar. Verfasst und eingesprochen wurden die Beiträge von Zeitzeug*innen, Aktivist*innen, Künstler* innen, Wissenschaftler*innen und anderen, darunter Edmund de Waal, Hamado Dipama, Lena Gorelik, Ernst Grube, Olga Mannheimer und die Initiative München OEZ erinnern!.
… damit das Geräusch des Krieges nachlässt, sein Gedröhn
Ausstellung zeitgenössischer Kunst | bis 12. Juli 2026
Die Ausstellung versammelt zeitgenössische Kunstwerke, die sich mit den Nachwirkungen von Kriegen innerhalb und außerhalb Europas seit 1945 beschäftigen. Der Titel nimmt Bezug auf Marguerite Duras‘ Kriegsmemoiren und verweist auf eine kritische Trauerarbeit, die persönliche wie kollektive Dimensionen traumatischer Erfahrungen einschließt. Die Ausstellung fragt danach, wie historische Gewalt nachhallt und erkundet das Potenzial intergenerationaler sowie transnationaler Dialoge für eine pluralistische Erinnerung, die auch Orientierung für die Zukunft bietet. Künstler*innen: Chantal Akerman, Nikita Kadan, Jean Katambayi Mukendi, Tarik Kiswanson, Hiwa K, Atalya Laufer, Selma Selman, Hito Steyerl, Sung Tieu, Miloš Trakilović, Ian Waelder, Leyla Yenirce
Das Klassenfoto (Arbeitstitel)
21. Oktober 2026 bis 6. Juni 2027
48 Kinder der dritten Klasse der Jüdischen Volksschule München, versammelt zum Klassenfoto im Schulhof – eine Momentaufnahme aus dem Sommer 1937. Es ist das letzte Bild, auf dem die Kinder vereint sind. Das Foto ist Ausgangspunkt für eine intensive Spurensuche. Die Ausstellung geht den Lebenswegen der Kinder nach. Sie fragt nach Überlebensstrategien, Fluchtwegen, Fremdheits- und Verlusterfahrungen und dem Ankommen im Neuen. Und sie bildet Leerstellen ab – die Abwesenheit derer, die der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer gefallen sind. Dabei eröffnen sich übergeordnete Fragen: Was bedeutet es, in unmenschlichen Zeiten Kind zu sein? Wie prägen Heimatverlust und Zwangsmigration die davon betroffenen Menschen? Und wie wirken diese Erfahrungen in den Familien nach? Die Ausstellung basiert auf einer Idee und den Recherchen der Historikerinnen Kristina Milz und Julia Schneidawind, deren Buch zum Thema voraussichtlich im Herbst 2026 im Verlag C.H. Beck erscheinen wird.
Vermittlungsprogramm und Veranstaltungen
Mit der Wiedereröffnung des nsdoku im Mai 2025 starteten neue Vermittlungsformate wie die Erinnerungssprechstunde, die dazu einlädt, in einem offenen Forum über die Zukunft der Erinnerung nachzudenken und sich auszutauschen. Auch ein neues Angebot für Kinder im Grundschulalter wurde entwickelt und mittlerweile als Workshop für Schulklassen institutionalisiert. In Deine Stimme zählt! erfahren Kinder mehr über Demokratie und ihre Grundrechte und werden ermutigt, für diese einzustehen und ihre Meinung zu äußern.
Die Spring School widmet sich im März 2026 ausgehend von der Ausstellung … damit das Geräusch des Krieges nachlässt, sein Gedröhn der Frage, wie gewaltvolle Konflikte weltweit wirken, sowohl vor Ort als auch auf die Gesellschaft in Deutschland, und welche vielfältigen Herausforderungen sich daraus ergeben. Die Verunsicherung in Schulen, Bildungseinrichtungen oder Unternehmen angesichts weltpolitischer Konflikte und zwischenmenschlicher Herausforderungen ist spürbar und führt zu einer zunehmend hohen Nachfrage nach Angeboten der historisch-politischen Bildungsarbeit. Formate, die Prävention und aktive Hilfestellung in einer vielerorts als unsicher und bedrohlich wahrgenommen Gegenwart bieten, sind dabei besonders nachgefragt. Unser Vermittlungsprogramm widmet sich Themen wie Propaganda und Desinformation, Ausgrenzungsmechanismen, Antisemitismus und Rassismus oder Formen sprachlicher Radikalisierung gezielt mit dem Blick auf aktuelle Problemfelder und Entwicklungen.
Das nsdoku kooperiert mit einer Vielzahl von Münchner Institutionen und Akteur*innen wie den Kammerspielen, dem Literaturhaus, dem Amerikahaus, und vielen anderen. Auch auf Festivals sind wir 2026 wieder vertreten und zeigen zum Beispiel im Mai im Rahmen des DOK.fest München ein neues Dokumentarfilmprogramm und thematisieren gemeinsam mit dem GoDrag munich Festival politisch motivierte Transfeindlichkeit. Zu den hoch aktuellen Themen des Veranstaltungsprogramms zählt unter anderem die Frage nach der Veränderung von Kunst und Kultur durch Künstliche Intelligenz und Cyberfaschismus. Aktuell läuft eine Ausschreibung für freiberufliche Guides. Damit möchte das nsdoku die Themen Rassismus- und Antisemitismuskritik, LGBTIQ*-Feindlichkeit sowie Erinnerungskultur in einer diversen Gesellschaft weiter ausbauen und durch vielfältige Zugänge vermitteln.
Publikationen und Forschung
Neben der weiteren kontinuierlichen Anreicherung des Online-Magazins mit spannenden Artikeln aus Kunst, Kultur, Gesellschaft und Politik, sind 2026 auch wieder neue Publikationen geplant, die seit dem Umbau des nsdoku jetzt auch vor Ort im Shop erhältlich sind. Ausgehend von der 2024 erschienenen Graphic Novel Zeit heilt keine Wunden über den Zeitzeugen Ernst Grube wird das nsdoku Anfang 2026 gemeinsam mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit eine Handreichung für den Einsatz von Graphic Novels für Lehrerkräfte vorstellen. Außerdem soll Zeit heilt keine Wunden in die Publikationsreihe der Landeszentrale aufgenommen werden und wird dadurch zu ermäßigten Preisen für Schüler*innen und Lehrkräfte erhältlich sein.
Neben der Forschungskooperation mit der Stadtsparkasse München, die die Vorgänge in der damaligen „Städtischen Sparkasse München” in der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 historisch auswertet und 2026 weitergeführt wird, ist 2025 ein neues Forschungsprojekt gestartet: Kunst und die völkische Bewegung (Arbeitstitel), eine Kooperation mit dem Lenbachhaus, erforscht die Verbindungen zwischen der völkischen Bewegung und künstlerischen Persönlichkeiten um 1900 in München. Am 30. Juli 2026 wird ein interdisziplinäres Symposium zu den Themen des Forschungsprojektes stattfinden, anschließend daran erscheint ein Sammelband mit Beiträgen der Teilnehmenden.
Das Online-Lexikon des nsdoku soll 2026 auch in englischer Sprache verfügbar sein. In über 900 Artikeln bietet unser Lexikon ausführliche Informationen zu Themen, Ereignissen, Organisationen, Orten und Personen, die relevant für die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt München sind und auch in der Ausstellung München und der Nationalsozialismus behandelt werden.
nsdoku Neuaubing
Auf dem Kulturgelände Ehrenbürgstraße entsteht eine Dependance des NS-Dokumentationszentrums. Durch das Neben- und Miteinander von Geschichtsvermittlung, Kunst, Sozialem und Handwerk wird das ehemalige Zwangsarbeiter*innenlager zu einem Ort der lebendigen Erinnerung, der Menschen dazu einlädt, sich mit der Geschichte der NS-Zwangsarbeit und deren Bezügen bis in die Gegenwart auseinanderzusetzen. Im Rahmen der Baumaßnahmen werden aktuell in zwei der historischen Baracken Räume für den Ausstellungs- sowie Vermittlungs- und Veranstaltungsbetrieb geschaffen. Das Drehbuch für die analoge und digitale Ausstellung ist mittlerweile finalisiert und die Ausstellungsgestaltung schreitet voran. Darüber hinaus werden Vermittlungs- und Veranstaltungsformate erarbeitet, die bereits vor der Eröffnung der Dependance umgesetzt werden können und inhaltliche Schwerpunkte des nsdoku Neuaubing adressieren. Die Eröffnung ist für 2027 geplant, wobei ein vollumfänglicher Betrieb der Dependance – momentan ohne zusätzliche Stellen – aktuell nicht gesichert ist.